Vielleicht die Eintrittskarte in den Arbeitsmarkt

12.1.2016

Von Hans Riebsamen, FAZ

Die Metzler-Stiftung fördert arbeitslose Akademiker aus Südeuropa - und fast alle finden anschließend einen Job

In Deutschland werden Ingenieure, Informatiker und Ärzte dringend gesucht. In den Krisenländern Südeuropas finden dagegen Männer und Frauen aus diesen Berufsgruppen sehr häufig keinen Job - vor allem dann, wenn sie ihr Studium gerade erst beendet haben. Zum Beispiel Maria Petrou: Die junge Griechin hat vor anderthalb Jahren ihren Abschluss in Elektro- und Informationstechnik an der Universität Athen gemacht. Seither sucht die Ingenieurin eine Anstellung, hat in ihrer Heimat aber nur Absagen bekommen.

Doch jetzt schöpft die Sechsundzwanzigjährige wieder Hoffnung. Und mit ihr 15 weitere Akademiker aus Griechenland, Italien, Spanien und Portugal. Die jungen Ärzte, Ingenieure und Informatiker haben von der Metzler-Stiftung ein Stipendium bekommen, das so etwas wie ihre Eintrittskarte in den Arbeitsmarkt sein könnte. Vier Monate lernen sie im Frankfurter Goethe-Institut Deutsch, dann haben sie noch einen Monat Zeit, um sich eine Stelle zu suchen.

Unterstützt werden sie nicht nur von der Bundesagentur für Arbeit, deren Vertreter den jungen Leuten gestern in der Metzler-Bank Hilfe versprachen. Jeder Stipendiat bekommt zudem einen Freiwilligen aus der Bank als Paten zur Seite gestellt. Wohnen werden die Gäste in einem von der Stiftung zur Verfügung gestellten Boarding House in Oberursel, von wo sie jeden Tag ins Goethe-Institut fahren werden. Sogar ein Taschengeld ist Teil des Stipendiums, insgesamt umfasst es Leistungen in Höhe von jeweils 10 000 Euro.

Die mehr als 50 südeuropäischen Jungakademiker, die bisher ein Metzler-Stipendium bekamen, haben die Deutschprüfung allesamt in der Kategorie C1 bestanden. Für einen Arzt wie José Moleiro aus Olhão in Portugal ist das wie ein Türöffner für den Eintritt in die deutsche Ärzteschaft. Wie alle anderen Stipendiaten hat auch der Sechsundzwanzigjährige schon vorher etwas Deutsch gelernt. Nun erhofft er sich den Feinschliff, der ihm erlaubt, mit seinen künftigen Patienten zu kommunizieren.

Moleiro hat an der Universität im tschechischen Pilsen seinen Abschluss in Medizin gemacht. Doch in seiner Heimat hat er keine Chance auf eine entsprechende Stelle: "Wir haben zu viele Ärzte", sagt der junge Portugiese. In Deutschland, so hofft er nun, kann er den angestrebten Facharztabschluss in Kardiologie machen, und seine Aussichten auf eine Stelle sind nicht schlecht - zumindest legen das die Lebensläufe der früheren Metzler-Stipendiaten nahe: Etwa 80 Prozent von ihnen fanden eine ihrer Ausbildung entsprechenden Anstellung. Die meisten in Deutschland, einige aber auch in ihrem Heimat- oder einem Drittland. Nur sehr wenige sind weiter arbeitslos.

"Wir suchen Leute mit Biss", sagt Sigrun Stosius von der Metzler-Stiftung. Der Deutschkurs und die anschließende Arbeitssuche seien hart. Die Stipendiaten müssten nicht nur die Sprache lernen, sondern auch Rückschläge und Absagen bei der Jobsuche verkraften. Maria Petrou aus Athen ist dennoch optimistisch. Sie will sich auf jeden Fall durchbeißen.

Voller Hoffnung auf eine Zukunft in Deutschland: Der Portugiese José Moleiro und die Griechin Maria Petrou. Foto Rainer Wohlfahrt
Voller Hoffnung auf eine Zukunft in Deutschland: Der Portugiese José Moleiro und die Griechin Maria Petrou. Foto Rainer Wohlfahrt

Dieser Beitrag erschien am 12. Januar 2016 in der F.A.Z.-Rhein-Main-Zeitung.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv